Entwicklung und Evaluierung eines Fortbildungsmoduls für zweisprachige Krankenhausmitarbeiter
Im Rahmen des unten beschriebenen Projekts sind Fortbildungsangebote zum Dolmetschen im Krankenhaus entstanden. Zunächst möchten wir aber den Hintergrund des Projekts und die Pilotfortbildung näher beschreiben:
Ausgangslage und Ziele
Wenn im Krankenhaus Verständigungsprobleme mit nicht ausreichend Deutsch sprechenden Patienten auftreten, werden oft zweisprachige Pflegekräfte gebeten zu dolmetschen. Viele von diesen Pflegekräften haben selbst einen Migrationshintergrund und bringen dadurch und durch ihre Pflegeausbildung Wissen mit, das beim Dolmetschen sehr nützlich ist: Kenntnisse über die medizinische Versorgung im Krankenhaus sowie sprachliches und kulturelles Wissen.
In der Regel dolmetschen sie ad hoc, das heißt ohne Vorbereitung auf die Dolmetschsituation und ohne spezielle Schulung. Gleichzeitig stellt Arzt-Patient-Kommunikation aber besondere Anforderungen an dolmetschende Personen.
Um zweisprachige Pflegekräfte für die besondere Aufgabe des Dolmetschens im Krankenhaus zu professionalisieren, hat das Projekt T5 am Sonderforschungsbereich Mehrsprachigkeit der Universität Hamburg eine Fortbildung entwickelt. Kooperationspartner ist das Friedrich-Ebert-Krankenhaus Neumünster.
Eine zehnjährige Forschungsphase zum Dolmetschen im Krankenhaus bietet für Fortbildungsentwicklung die Grundlage. Gedolmetschte Gespräche, die in Krankenhäusern aufgezeichnet wurden, sind sprach- und dolmetschwissenschaftlich analysiert worden. Die Ergebnisse haben die Gestaltung der Fortbildungsreihe maßgeblich beeinflusst.
Aufbau und Inhalte der Pilotfortbildung
Die Pilotfortbildung dient zur Vermittlung von Grundlagen über das Dolmetschen und besteht aus sechs vierstündigen Teilmodulen, die sich als Präsenzveranstaltungen mit Selbstlernaktivitäten abwechseln. Die Teilnehmer/innen sollen dazu befähigt werden, sprachliche Mittel in ihrer Relevanz für den Handlungsprozess einzuschätzen und Unterschiede zwischen bestimmten ausgangs- und zielsprachlichen Mitteln zu reflektieren. Außerdem wird ein Rollenprofil entwickelt, das dynamisch genug ist, auf die vielfältigen Anforderungen im Ad-hoc-Dolmetschen im Krankenhaus zu antworten.
In Simulationen können die Teilnehmer/innen neu erworbenes Wissen bzw. neue Fertigkeiten erproben und ihre Leistung z.B. anhand von Videoaufzeichnungen mit der Seminarleitung analysieren.
Die Fortbildung ist korpusbasiert, d.h. sie arbeitet mit authentischen, entsprechend aufbereiteten Gesprächen. Sie ist sprachübergreifend konzipiert.
Evaluation
Die Pilotfortbildung ist eingebettet in ein umfassendes Evaluationskonzept, das die Phasen vor, während und nach den Lehrveranstaltungen erfasst.
Vor der Fortbildungsreihe werden Interviews mit den Teilnehmer/innen durchgeführt. Die Interviews haben zum Ziel, die Dolmetscherfahrungen der Teilnehmer/innen sowie ihr Meta-Wissen über das Dolmetschen auszuloten und ihren sprachlichen und beruflichen Hintergrund zu bestimmen. Das lässt Rückschlüsse auf ihre Dolmetschkompetenz zu.
Außerdem können kontextuelle Gegebenheiten bei Dolmetscheinsätzen aufgedeckt werden, die u.U. wenig bekannt, aber typisch für den Arbeitsalltag der Teilnehmer/innen sind. Weiterhin wird erfragt, welche Erwartungen die Teilnehmer/innen an die Fortbildung haben, so dass diese eng an ihre Bedarfe und an ihren Hintergrund angepasst werden kann.
Begleitend werden Interviews mit Ärzten durchgeführt, um die Dolmetscherfahrungen und die Erwartungen beider Gruppen an eine Professionalisierung gegeneinander abzugleichen.
Während der Lehrphase werden Qualität und Passgenauigkeit der Fortbildung nach den jeweiligen Sitzungen anhand eines Evaluationsbogens erfasst. Der unmittelbare Lernerfolg spiegelt sich in den Lerntagebüchern bzw. den Selbstlernaktivitäten und ist somit nachvollziehbar.
Zum Messen des langfristigen Lernerfolgs werden in einem zeitlichen Abstand von ca. vier Monaten nach Abschluss der Fortbildungsreihe noch einmal Interviews mit den Teilnehmer/innen durchgeführt. So kann nachvollzogen werden, inwieweit die Fortbildung ihr Dolmetschverhalten und ihre Dolmetschleistungen beeinflusst hat. Zudem kann zusätzlicher Fortbildungs- bzw. Vertiefungsbedarf ermittelt werden.
Die Beobachtung bzw. Audioaufnahme von gedolmetschten Gesprächen vor und nach der Fortbildungsreihe zur Lernerfolgskontrolle ist ebenfalls angestrebt.
Die wissenschaftliche Begleitung der Pilotfortbildung wird unterstützt durch einen externen Dolmetsch- und Pflegewissenschaftler.
Projektleitung:
Prof. Dr. Kristin Bührig (kristin.buehrig@uni-hamburg.de), Prof. Dr. Bernd Meyer (meyerb@uni-mainz.de)
Wissenschaftlicher Mitarbeiterinnen und Trainerinnen:
Ortrun Kliche (ortrun.kliche(at)dock-europe.net), Birte Pawlack (birte(at)pawlack.de)
Stand der Dinge
Die Pilotfortbildung mit den entsprechenden vorausgehenden Interviews und der begleitenden Evaluation ist einmal exemplarisch durchgeführt worden. Derzeit (Herbst 2010) laufen die nachgestellten Interviews und die externe Begutachtung. Die Ergebnisse werden in Kürze auf dieser Webseite bekannt gegeben.
Projektleitung: Prof. Dr. Kristin Bührig, Dr. Bernd Meyer
Wissenschaftlicher Mitarbeiterinnen: Ortrun Kliche, Birte Pawlack
Förderung: Juli 2008 – Juni 2011
Leistungsspektrum:
Aus dem oben skizzierten Forschungs- und Praxishintergrund ist folgendes Trainingsangebot entwickelt worden:
Für zweisprachige Pflegekräfte
Trainerinnen: Ortrun Kliche (ortrun.kliche(at)dock-europe.net), Birte Pawlack (birte(at)pawlack.de)

